Tagung 2014: »Von Zeit zu Zeit lese ich alles noch einmal«. Uwe Johnson und der Kanon

Seinen 80. Geburtstag hätte er in diesem Jahr feiern können, seit 30 Jahren ist er nun tot. Wie es um sein Werk bestellt ist, wurde vom 23. bis 25. Mai unter dem Titel »Von Zeit zu Zeit lese ich alles noch einmal.« Uwe Johnson und der Kanon verhandelt. Zum dritten Mal haben Uwe Johnson-Gesellschaft und Universität Rostock zusammengearbeitet, nun erstmals mit Unterstützung der Uwe Johnson-Forschungsstelle, um den internationalen Dialog in Rostock zu verstetigen.

Zwei Perspektiven bestimmten die vielfältigen Beiträge der 19 Referenten aus insgesamt sieben Ländern. Zum einen ging es um Johnsons persönlichen Kanon: Welche Autoren hat er gelesen, wie hat er sich zu ihnen positioniert und was für einen Einfluss hatten sie auf sein eigenes Schreiben? Von der Bibel, von Schiller und Fontane, von Faulkner über Frisch bis hin zur Diskussion zwischen Hannah Arendt und Uwe Johnson um Bertolt Brecht war die Rede. Erwogen wurde außerdem, ob das New York der Jahrestage ein Beispiel von stereotyper Amerika-Literatur ist, und ob Johnson, wie in den 1970er Jahren üblich, mit Vaterfiguren abgerechnet habe.

Als Schnittstelle zur zweiten Perspektive können die Preisreden Johnsons gelten. Denn wer große Literaturpreise erhält, steht nicht nur im Verdacht, selbst ­(bald) zum Kanon zu gehören. Von dem wird gewöhnlich auch Auskunft erwartet, wie er sich (literarisch) zum jeweiligen Namensgeber des Preises verhält.

Zum anderen wurde gefragt, wie Johnsons eigene Stellung im Kanon zu bestimmen ist. Dabei zeigte sich, dass sein Werk in der Nachkriegsliteratur sowohl in Deutschland und auch europaweit einen festen Platz eingenommen hat. Selbst in den USA und Japan wird es gelesen, wenngleich seine Texte die dortigen Übersetzer vor die eine oder andere Herausforderung stellen. Junge Autoren kennen und schätzen Johnson, verweisen in ihren Werken mal mehr, mal weniger deutlich auf ihn.

Auch an Schulen und Universitäten ist man sich zwar der Bedeutung von Johnsons Werk durchaus bewusst, an einem entsprechenden Lehrangebot aber mangelt es bislang. Als eine Ursache dafür wurde das Fehlen begleitender Literatur erkannt, die jungen Lesern beim Entdecken von Johnsons literarischen Welten und Weltbezügen Orientierung bietet. Erste Abhilfe wird ein Johnson-Lesebuch schaffen, dass zurzeit in Kooperation von Universität Rostock und Uwe Johnson-Gesellschaft erarbeitet wird. Es wurde während der Tagung vorgestellt und soll noch in diesem Jahr fertig werden.

Vorgestellt wurde auch die Johannes und Annitta Fries Stiftung, die das Uwe Johnson-Archiv erworben und der Universität Rostock zur wissenschaftlichen Erforschung zur Verfügung gestellt hat. Das Archiv ist die wesentliche Basis für die geplante Werkausgabe, die inzwischen in das Akademien-programm von Bund und Ländern aufgenommen wurde.

Im Rahmen der Tagung fand auch die dritte Mitgliederversammlung der Uwe Johnson-Gesellschaft statt. Inzwischen hat die Gesellschaft weltweit 171 Mitglieder, nicht alle konnten der Versammlung beiwohnen. Nach vier Jahren war das Kuratorium neu zu wählen. Es besteht nun aus Dr. Thorsten Ahrend (Wallstein Verlag), dem Publizisten Dr. Helmut Böttiger, Dr. Ulrich von Bülow (Deutsches Literaturarchiv Marbach), Dr. Raimund Fellinger (Suhrkamp Verlag), Dr. Michaela Selling (Direktorin des Amtes für Kultur, Denkmalpflege und Museen der Hansestadt Rostock), Dr. Margit Unser (Leiterin des Max Frisch-Archivs) und Dr. Wilhelm Krull (Generalsekretär der Volkswagenstiftung).

Wir danken allen Gästen und Referenten für ihr Kommen, ihre Vorträge und die vielen eifrigen und fruchtbaren Diskussionen. Allen Helfern vor und hinter den Kulissen sei an dieser Stelle für die Organisation einer rundum gelungenen Veranstaltung gedankt.

Das Programm der Tagung finden Sie hier.