Identität des Autors zweifelhaft

1. Internationale Uwe Johnson-Tagung 2010

Vom 27. bis zum 30. Mai fand im Bürgerschaftssaal des Rostocker Rathauses die erste Uwe Johnson-Tagung in Rostock statt. Unter dem sprechenden Titel »Identität des Autors zweifelhaft« lud die Uwe Johnson-Gesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Institut für Germanistik, der Stadt und dem Literaturhaus Rostock ein, dem Zusammenhang von Leben und Werk bei Uwe Johnson nachzugehen. Die Grußworte sprachen Oberbürgermeister Methling und der Rektor der Universität Prof. Dr. Schareck.

Das Thema, in der Forschung so ungeliebt wie umstritten, zog viele Interessierte und Neugierige an. Unter den Gästen aus England, den USA, Italien, den Niederlanden, der Schweiz und Deutschland waren akademische Experten ebenso wie begeisterte Leser, wissenschaftlicher Nachwuchs und erfahrene Lehrer. Den Einführungsvortrag Writing, Life und Johnson, Uwe hielt Robert Gillett aus London. Er führte anschaulich vor, welcher Sorte Reduktionismus mit der Tagung begegnet werden sollte: Das Leben eines Schriftstellers ist mehr als eine Folge von Büchern.

In den folgenden Tagen sichteten Referenten und Hörer die Tagebücher und Briefwechsel. Johnsons Erfahrungen in zwei deutschen Staaten, seine Erlebnisse im deutschen Kultur- und im amerikanischen Verlagsbetrieb wurden diskutiert. Die Tagung endete mit der Frage Who am I now? Unter dieser Überschrift betrachtete Holger Helbig, wie Uwe Johnson sein Verschwinden im Text inszeniert. In einem selbstverfassten Nachruf rekapituliert Johnson 1970 sein Leben und entwirft zwei unterschiedliche Identitäten: die des Autors, der schreibt und im Verborgenen bleibt, und die desjenigen, der das Geschriebene und seine Person der Öffentlichkeit präsentiert. Der Nachruf wurde unter dem Titel »Dead Author's Identity In Doubt« veröffentlicht.

Am Sonntag Nachmittag stellte sich die Uwe Johnson-Gesellschaft erstmalig der breiteren Öffentlichkeit vor. Vor allem die jungen Mitglieder sprachen hier über ihre noch neue Johnson-Faszination und die Möglichkeit, durch die Gesellschaft Johnson schnell und intensiv kennenzulernen. Das Publikum erfuhr nicht nur, was bisher geleistet wurde, sondern auch welche weiteren Veranstaltungen geplant sind, wie die Homepage ausgebaut werden soll und dass die Redaktion des Johnson-Jahrbuchs künftig in Rostock beheimatet sein wird. Viele der mittelfristigen Vorhaben lassen sich unter der Überschrift Johnson in der Schule zusammenfassen und richten sich an Schüler, Lehramtsstudenten und Lehrer. Zudem hat die Gesellschaft bereits die Vorbereitungen einer Uwe Johnson-Werkausgabe begonnen. Natürlich war bei dieser Gelegenheit vor allem von Plänen die Rede – das kann nach vier Monaten Bestehen kaum anders sein.

Auf die Vorstellung der Gesellschaft folgte deren erste Mitgliederversammlung nach der Gründung am 26. Februar 2010. Die Mitglieder der Gesellschaft hatten Gelegenheit, die Kandidaten für das Kuratorium kennenzulernen. In der anschließenden Wahl wurden alle Kandidaten einstimmig gewählt. Das Kuratorium trat sodann zu einer ersten Sitzung zusammen.

Die Tagungsgäste waren unterdessen zu einer Führung durch Rostock eingeladen. Auf dem Streifzug durch die Hansestadt ergab sich, wie auch in den Pausen und an den Abenden, manches Gespräch, das von Johnson aus zu naheliegenden und kaum absehbaren Themen führte. Bei Kaffee und Gebäck war in den Pausen nicht nur von Kempowski und Reuter die Rede, sondern auch von Mathematik und Musikpädagogik.

Am Buffett wurden nicht nur Ausstellungen und Ausflüge geplant, sondern auch Sommerschulen ersonnen und Doktorandenzentren entworfen. Auch das verstehen wir im Sinne der Satzung als eine unserer Aufgaben: Gespräche dieser Art anzuregen.

In seinem Abendvortrag im Festsaal zeigte Bernd Auerochs, welche Einsichten sich über die liebgewordenen Klischees hinaus einem Vergleich der Werke von Christa Wolf und Uwe Johnson abgewinnen lassen. Unter dem Titel Ein Zauberberg bei Lübeck entwickelte er verschiedene Lesarten einer Schlüsselstelle aus Wolfs Kindheitsmuster und setzte sie zur Poetik Johnsons ins Verhältnis. Dem anregenden Angebot folgte eine Diskussion, die auch außerhalb des Festsaals nicht abgeschlossen werden konnte: Das ist Stoff für weitere Treffen.

Im Verlauf der vier Tage klärten sich mit Blick auf das Werk Denkmuster und Ideen, die Johnson immer wieder beschäftigt haben, mit Blick auf die Biographie gewann sein Selbstverständnis an Kontur.

Für uns waren dies vier intensive und anregende Tage. Wir danken allen Gästen für ihr Kommen und den Referenten für ihre Vorträge. Besonderer Dank gilt der Firma Fries und der Stadt Rostock für ihre großzügige Unterstützung.

Programm der Tagung