Uwe Johnson an Ingeborg Gerlach

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Ingeborg Gerlach und der Peter Suhrkamp Stiftung.

 

Zum Brief erhielten wir folgende Notiz von Frau Gerlach:

Ich schrieb damals an einer Abhandlung über die Jahrestage, aber es existierten erst drei Bände, und ich wartete, wie viele andere Leser, auf den Abschlussband. Schließlich bat ich den Verlag um Johnsons Adresse und schilderte ihm (ohne jede Ahnung von seiner Situation) mein Problem. Wenn ich heute in Kenntnis seiner damaligen Lage seine Antwort lese, wundere ich mich über seine Höflichkeit, in der wohl auch eine Portion Ironie steckt.

Uwe Johnsons Spuren im Rostocker Universitätsarchiv

Im Herbst 1952 immatrikulierte sich Uwe Johnson an der Universität Rostock. Sein Name findet sich in der Rostocker Matrikel. Die nächste erhaltene Spur ist das Protokoll der Leitungssitzung der SED-Grundorganisation der Philosophischen Fakultät am 08.05.1953.

Seit April 1953 inszenierte die DDR-Regierung eine landesweite Kampagne gegen die Jugendorganisation der evangelischen Kirche. Die Gefahr, welche von der Jungen Gemeinde angeblich ausging, war das Thema einer Großversammlung, die am 5. Mai 1953 von der FDJ-Gruppe der Philosophischen Fakultät in Rostock veranstaltet wurde.

Uwe Johnson, zu diesem Zeitpunkt nicht einmal ein Jahr an dieser Fakultät immatrikuliert, hat auf dieser Veranstaltung gesprochen. Wie aus dem Protokoll der Leitungssitzung der SED-Grundorganisation hervorgeht, schlugen Johnsons Worte „wie eine Bombe ein (Wortlaut s. Protokoll)“:

(UAR, Parteileitungssitzungen der Philosophischen Fakultät 1951-1963, UPL 376.)

Das erwähnte Protokoll, das den Wortlaut des Beitrags enthält, ist in den Archiven der Universität Rostock nicht zu finden. Johnson hat im Rahmen der Frankfurter Poetikvorlesungen, die er 1979 hielt, überliefert, was sich zugetragen hat: Er wurde vom Stellvertreter des Ersten Vorsitzenden der FDJ-Gruppe instruiert, über den Kampf der Jungen Gemeinde gegen den Frieden zu sprechen. Diesem Auftrag widersetzte er sich. Zwar sprach er über die Junge Gemeinde in Güstrow, aber die Erwartungen der FDJ erfüllte er nicht. Vielmehr verteidigte er die verleumdete kirchliche Jugend: Sie sei "im Gegensatz zu der Meinung des Vorredners […] weder eine illegale noch überhaupt eine Organisation".1 Das lief hinaus auf die Feststellung, "die Hetze und Schikanen gegen eine Religionsgemeinschaft konstituiere einen mehrfachen Bruch der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik, ausgeführt durch die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik".2

Wenn auch der Wortlaut nicht dokumentiert ist, die Rede als solche lässt sich belegen. Im Referat auf der Sitzung der Parteileitung der Universität Rostock am 20.05.1953 heißt es:

(UAR, Informations- und Arbeitsberichte 1950-58, FDJ 30 12f.)

Johnsons Stellungnahme hatte Folgen. Mit dem renitenten Studenten, einem Mitglied der FDJ, wurden Aussprachen geführt. Dabei kamen auch Johnsons Aktivitäten in Güstrow zur Sprache, wo er als Org.-Leiter der FDJ-Gruppe Charakteristiken von Mitgliedern der Jungen Gemeinde für die Staatssicherheit anfertigen musste.

(UAR, Informations- und Arbeitsberichte 1950-58, FDJ 30, S. 13f.)

Dass Johnson trotz seiner kritischen Haltung "weiterhin auf Kosten der Arbeiterklasse"3 studierte, wollte die Partei nicht dulden:

(UAR, Parteileitungssitzungen der Philosophischen Fakultät 1951-1963 , UPL 376.)

Die Vorladung war für den 14. Mai 1953 angesetzt. Johnson berichtet später über das Ergebnis der Vorladung: "Nach dem zweiten Verhör beschloss die Partei über ihren Jugendfreund aus Güstrow: Exmatrikulation, Sperre sämtlicher Hochschulen".4

Ein solcher Beschluss lässt sich nicht belegen. In den Universitätsakten findet sich weder eine Exmatrikulation Johnsons, noch deren Widerruf. Nach dem 17. Juni nimmt die SED-Leitung die Beschuldigungen gegen die Junge Gemeinde zurück. Alle im Rahmen der Kampagne vorgenommenen Exmatrikulationen werden aufgehoben. Im Protokoll der Mitgliederversammlung der Genossen Studenten der philosophischen und der landwirtschaftlichen Fakultät ist vermerkt:

(UAR, Mitgliederversammlungen der SED-Grundorganisation der Phil. Fakultät 1951-1966, UPL 191, S. 3.)

Uwe Johnson beantragt, an die Universität Leipzig wechseln zu dürfen. In einem Schreiben an das Prorektorat für Studentenangelegenheiten vom 14. Juni 1954, das diesen Antrag betrifft, erhebt die Fachrichtung Germanistik keine Einwände.

(UAR, Studentenakte Uwe Johnson 19.8.1952 – 30.8.1954, UJ Hochschulwechsel Shakespeare-Tagung 1954.)

Im Wintersemester 1954/55 setzt Johnson sein Studium in Leipzig fort. Wie bei einem solchen Wechsel üblich, wechseln auch die den Studenten betreffenden Studienunterlagen von einer Verwaltung zur anderen. Auch im Universitätsarchiv Leipzig hat Johnson Spuren hinterlassen.

Tanja Winkler

 

 

1 Uwe Johnson: Begleitumstände. Frankfurter Vorlesungen, Frankfurt am Main 2003, S. 65.
2
BU, 65.
3 UAR, Informations- und Arbeitsberichte 1950-58, FDJ 30, S. 14.
4 BU, 66.