Die Lektoratsarbeiten Uwe Johnsons

André Kischel

Für den »Beruf eines Verlagslektors« hatte sich Uwe Johnson entschieden, als er 1952 sein Studium der Germanistik an der Universität Rostock beginnt. Denn als ein Lektor, so seine Meinung, könne er sich »mit literarischen Dingen und besonders mit der neuen Literatur beschäftigen«. Johnson wurde Schriftsteller und als solcher schuf er selbst neue Literatur. Die Forschung zu seinem literarischen Œuvre ist umfangreich und längst nicht abgeschlossen. Johnson wurde aber auch – und zuerst – Lektor.

In der DDR fand er keine feste Anstellung, weder als Lektor noch als Assistent an einer Universität. Sein erster Roman, Ingrid Babendererde, wurde von den Verlagen der DDR abgelehnt. Zwischen seinem Studienabschluss 1956 und seiner Übersiedlung nach West-Berlin 1959 musste er sich mit Gelegenheitsarbeiten für Verlage sein Brot verdienen. Er verfasste Gutachten zu zeitgenössischen Autoren wie Werner Gnüchtel oder Rudolf Bartsch, sollte mit seinem Urteil aber auch über mögliche Gesamtausgaben der Werke von Frank Wedekind, Franz Werfel und Peter Altenberg entscheiden.

Mit der Arbeit als Gutachter und Lektor war es keineswegs vorbei als Johnson 1959 mit den Mutmassungen über Jakob als Autor debütiert und sich einen Namen macht. Sein Verleger Siegfried Unseld verlangt solche Arbeiten von ihm, Freunde und Kollegen bitten ihn darum. Manches davon kann bereits nachgelesen werden, etwa in den Briefwechseln mit Unseld, Max Frisch oder Walter Kempowski. Dabei ist aber zu bedenken, dass diese Ausgaben ihren Fokus nicht auf Johnsons Lektorate legen und sie nur als ›Begleitumstand‹ oder Anhang mit anführen. Darüber hinaus liegt vieles – besonders Briefe und Manuskripte – noch unerschlossen in Johnsons Nachlass.

Ziel meiner Dissertation ist es, diese Leerstellen zu schließen. Hierfür sollen sämtliche – publizierte und unpublizierte – Gutachten in eine Gesamtdarstellung überführt, Briefe, Manuskripte und die daraus gewordenen Bücher miteinander verknüpft werden, um damit Einsichten in Johnsons eigene Poetologie und sein Selbstverständnis als Autor zu gewinnen, und zwar auf eine neuartige Weise als es ›nur‹ aus seinem literarischen Werk oder seinen Vorlesungen bekannt ist. Denn Johnson zeigt sich hier in der Rolle des Lesers, der seinen Urteilen und Verbesserungsvorschlägen eine Begründung hinzufügt, als Lektor hinzufügen muss. Aus dieser besonderen Form der Rezeption lassen sich nicht nur Maßstäbe erkennen, nach denen er Literatur beurteilt und selber schreibt. Sie lässt auch Einblicke in die Strukturen des Literatur- und Kulturbetriebs, insbesondere der 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts zu. Erst allmählich nimmt sich die Literaturwissenschaft dem Lektorat als spezifischen Ort der Werkgenese an. Die Untersuchung und Auswertung von Johnsons Arbeit als Lektor soll so auch einen Beitrag zu einer ›Theorie des Lektorats‹ leisten. Schließlich möchte ich in enger Verbindung mit der Uwe Johnson-Gesellschaft mit meiner Dissertation auch Überlegungen und Vorschläge erarbeiten, wie dieser Aspekt von Johnsons Schaffen in der geplanten Gesamtausgabe seiner Werke editorisch aufzubereiten und einzufügen ist.