Tagung 2018: Darüber lässt sich reden und schreiben. Zur 5. Internationalen Uwe Johnson-Tagung »Twenty-five Years with J.«

Die beruhigende Nachricht lautet: Es ist noch nicht alles gesagt. Vom eindrucksvollen close reading an Mutmassungen über Jakob über einen aufschlussreichen Vergleich mit Wolfgang Hildesheimer bis hin zum Vorschlag einer neuen Perspektive auf die Jahrestage – die Neuigkeiten rissen nicht ab. 14 Referenten und Referentinnen aus vier Nationen zeigten auf der 5. Internationalen Uwe Johnson-Tagung, dass sich auch nach 25 Jahren Johnson-Jahrbuch anregende Einsichten gewinnen und künftige Forschungsgebiete bestimmen lassen.

Prof. Dr. Birte Förster berichtete von ihren Erfahrungen, ein wöchentliches Lektüreblog zu Jahrestage bei der FAZ zu schreiben. Sie regte dazu an, Johnsons Umgang mit Geschichte stärker im Kontext der geschichtswissenschaftlichen Entwicklungen seiner Zeit zu betrachten, um zu einem genaueren Verständnis seines historiografischen Schreibens zu kommen. Prof. Dr. Bernd Auerochs unternahm einen Vorstoß in dieselbe Richtung, als er fragte, auf welchen Prinzipien der Dokumentarismus beruhe, dem auch Johnsons zugerechnet werde. Dem stellte Dr. Serena Grazzini einen Vergleich der Wahrheitsbegriffe bei Johnson und Wolfgang Hildesheimer zur Seite. Beider Schreiben gehe von einer Idee der Wahrheit aus, bei der die Beurteilung der historischen Wirklichkeit vom jeweils subjektiven Bewusstsein vermittelt werde. Grazzinis Betrachtung der erzählerischen Konsequenzen dieses Konzepts wurde begeistert aufgegriffen, mehreren Stimmen plädierten für Hildesheimers Aufnahme in den Kanon.

Welchen Weg ein solcher Kanonisierungsprozess nehmen kann, beleuchteten Prof. Dr. Roland Berbig und Dr. Erdmut Wizisla mit einem Rückblick auf die vergangenen 25 Jahre Johnson-Forschung. Sie würdigten die in Frankfurt/Main geleistete Arbeit des Uwe Johnson-Archivs unter Leitung von Eberhard Fahlke und die programmatisch sorgfältige Redaktion des Johnson-Jahrbuches. Die Gretchenfrage für jede institutionalisierte Kulturarbeit blieb nicht aus: Haben die Bemühungen gefruchtet und ist Johnson nach all den Jahren ein veritabler Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses geworden?

Nachdem der Rektor der Universität Rostock, Prof. Dr. Wolfgang Schareck, in seinem Grußwort schon behauptet hatte, dass Johnsons Akribie Schule mache, lieferten zwölf frisch gebackene Abiturienten (im Bild sind zehn von ihnen zu sehen) am Samstagnachmittag den Beweis. Sie nahmen den erstmals vergebenen Uwe Johnson-Schulpreis entgegen und stellten ihr Projekt vor: Ein Reiseführer zu Johnsons Orten in Mecklenburg und ein Podcast zu seinem Leben. Im Anschluss zeigten Mitarbeiter der Uwe Johnson-Werkausgabe dem bereits begeisterten Publikum, welche Fortschritte die digitale Edition der Mutmassungen über Jakob macht. Schließlich plädierte der einstige Jahrbuch-Herausgeber Prof. Dr. Michael Hofmann für eine postkoloniale Lesart von Jahrestage und löste damit eine Diskussion über die Möglichkeiten und Grenzen germanistischer Arbeit aus.

So viel Anfang war selten, und man hätte es wissen können: Am ersten Abend gab Dr. Uwe Neumann mit Schwung und Witz eine Auslese seiner vielstimmigen Chronik über Günter Grass zum Besten. Die meist negativ gebrauchte Formel ›Alles gesagt‹ sei schon früh Bestandteil des Redens über Grass gewesen. – Im Hinblick auf Johnson lässt sich das nicht behaupten.

Das Programm der Tagung finden Sie hier.