»In kürzester Zeit viel erfahren«

Uwe Johnsons Ingrid in der Schule

»Der Klassenraum war ein staubig strahlender Hohlwürfel« (IB, 16). Die trockene und gelangweilte Atmosphäre, die die Schule in Uwe Johnsons Erstling Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953 ausstrahlt, stellt einen absoluten Gegensatz zu dem dar, was sich am John-Brinckman-Gymnasium in Güstrow vom 19.05. bis 21.05.2011 abspielte. In der Schule, die auch dem Roman als Vorlage diente, trafen 40 Schülerinnen und Schüler aus der 9. und 10. Jahrgangsstufe auf 23 Lehramtsstudenten der Universität Rostock, um an drei Projekttagen den Ingrid-Roman zu untersuchen.

Die Idee zu einer Projektarbeit über Uwe Johnson in seiner alten Schule, wo auch er die Reifeprüfung ablegte, hatten die Deutschlehrerin der Schule Heike Wittenburg, Katrin Philipp, Didaktik-Dozentin der Universität Rostock, und Prof. Holger Helbig. Zur Vorbereitung leitete Frau Wittenburg in der Schule einen Projektkurs über Johnson, der sich vor allem dem Stoff des Romans widmete. Auf universitärer Seite ergab sich die Möglichkeit ein Werk Johnsons nicht nur literaturwissenschaftlich anzugehen, sondern es zugleich für den Unterricht didaktisch zu erschließen.

Am ersten Tag der Projektarbeit erarbeiteten sich die Schülerinnen und Schüler in insgesamt sieben Stationen verschiedene Aspekte des Romans. Sie besprachen das Leben des Autors, erschlossen die Figurenkonstellation, analysierten die Sprache der Charaktere, setzten sich mit den verschiedenen Bedeutungen der »Reifeprüfung« auseinander, erfuhren zeitgeschichtliche Hintergründe, glichen die Handlungsorte des Romans mit Orten in Güstrow ab und lernten etwas über den Stellenwert der Schule in den 50er Jahren der DDR. Die Schülerinnen und Schüler begrüßten die Themen als durchweg »interessant und kreativ«.

Auf dieser Basis wurde am zweiten Tag mit der konkreten Arbeit an den Präsentationen begonnen. Dabei wählten die Schüler selbst ihre Themen und die passenden Präsentationsformen aus. Die Studenten waren begeistert, wie engagiert die Schülerinnen und Schüler ihre Präsentationen vorbereiteten und nach einem sehr intensiven Arbeitstag die Studenten auch noch informativ und unterhaltend durch die Schule Uwe Johnsons führten.


Am Sonnabend war es dann soweit: Die Ergebnisse des Projekts wurden der Öffentlichkeit vorgestellt. Nicht nur der Schulleiter, Herr Helmut Hickisch, war gekommen, sondern auch viele Eltern und Großeltern wollten sehen, was die Schüler vorführten. Aus Rostock war unter anderem Andreas Tesche angereist, der Schatzmeister der Uwe Johnson-Gesellschaft. Die Besucher waren allesamt von den Ergebnissen der beiden Tage überrascht.


Insgesamt fünf Schülergruppen hatten sich zum Ziel gemacht, den Ingrid-Stoff für Nicht-Kenner attraktiv zu machen und Fortgeschrittenen zu zeigen, wie unterschiedlich man dieses literarische Werk interpretieren kann. In einer szenischen Kollage stellten die Schüler anschaulich und anhand von Zitaten die verschiedenen Reifeprüfungen der Charaktere dar. Ein ähnliches Prinzip griff auch die Gruppe auf, die sich mit der Zeitgeschichte auseinander setzte. Über einen inszenierten Nach- richtenbericht wurden die Ereignisse an der Schule im Roman vorgeführt und in einen historischen Kontext gesetzt. Fiktive Briefe, die sich die Helden nach den Geschehnissen im Roman über die Grenze hinweg schreiben, entstanden in einer anderen Gruppe. Mit Hilfe von Powerpoint und Wandzeitungen präsentierten einige Schülerinnen und Schüler die Ergebnisse ihrer Suche nach authentischen und fiktiven Handlungsorten in Güstrow. Einen Einblick in das Leben Johnsons gewährte den Besuchern ein von den Schülern gedrehtes Video, in dem sie den Schriftsteller selbst und verschiedene Zeitzeugen auftreten ließen. Die Vielfalt der Ergebnisse beeindruckte Dozenten und Gäste.

Alle Beteiligten nehmen als Lernende viel aus diesen drei Tagen mit. Vor allem natürlich, dass Uwe Johnson ein Autor ist, der im Deutschunterricht einen festen Platz finden sollte.