Zwischen Heimat und »Nicht-Heimat«. Zum Heimatkonzept in Uwe Johnsons Jahrestage

Yuko Nishio

Das Wort »Heimat« hat einen vielschichtigen geschichtlichen Hintergrund. Der Begriff, der bis zum Ende des 18. Jahrhunderts überwiegend als Synonym für »Herkunftsort« gebraucht wurde, hat in den letzten 200 Jahren einen großen Wandel erfahren: politische Umdeutung im 19. Jahrhundert, Entwertung unter dem NS-Regime und Befreiung vom ideologischen Ballast nach dem 2. Weltkrieg. In den 90er Jahren wurde das Verständnis von Heimat anlässlich der Wiedervereinigung Deutschlands abermals diskutiert.

In der Gegenwart, dem Zeitalter der Globalisierung und Massenmigration, wird der Heimatbegriff erneut erweitert. Die uneingeschränkte Mobilität stellt den traditionellen Heimatbegriff, der mit Herkunft und langfristiger Sesshaftigkeit assoziiert wird, von Grund auf in Frage: Was ist Heimat, oder was kann alles Heimat sein? Braucht der Mensch überhaupt eine Heimat? Einerseits scheint das Bedürfnis nach lokaler Bindung in der heutigen Welt zurückzugehen, andererseits entsteht Heimat – insbesondere nach deren Verlust – immer wieder neu.

Hinsichtlich der Heimat-Thematik gilt Uwe Johnsons vierbändiges Hauptwerk Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl als ein Roman von hoher Aktualität. Bisherige Untersuchungen zum Heimatkonzept in den Jahrestagen sind meist auf den Heimatentwurf der Protagonistin Gesine ausgerichtet. Es wird gefragt, welche Orte sie als ihre Heimat betrachtet, wie sie mit deren Verlust umgeht, ob und wo sie eine neue Heimat finden könne – und auf welche Weise davon erzählt wird. Dabei wird Heimat als etwas Selbstverständliches verstanden, an dessen Wesen nichts Zweifelhaftes ist.

Diese Selbstverständlichkeit erscheint mir problematisch. Ausgehend von den bisherigen Überlegungen möchte sie grundlegend erweitern, indem ich frage: »Was ist überhaupt Heimat?« und »Was alles kann Heimat sein?« Ich möchte den Begriff Heimat im Spannungsfeld zwischen Raum, Zeit und Identität verorten und das das Heimatkonzept in den Jahrestagen dementsprechend anhand vielfältiger Phänomene verfolgen. Die Variationen des Konzepts lassen sich unter den Aspekten »Heimat« bzw. »Nicht-Heimat« (negative »Heimaten«, die weder Vertrauen, Sicherheit noch Geborgenheit versprechen), »Fremde« und »Heimatlosigkeit« fassen. Der analytische Schwerpunkt meiner Arbeit liegt auf der Untersuchung der um Gesine angeordneten Figuren und ihrer Vorstellungen von Heimat. Dabei möchte ich auch erörtern, wie die verschiedenen Konzepte von Heimat erzählerisch zusammengeführt werden, wobei medienwissenschaftliche, soziologische und philosophische Perspektiven berücksichtigt werden sollen. Ziel meines Projekts ist es, die diversen Heimatbilder, die den Roman durchziehen, zu versammeln.